Institut für Postkoloniale Studien an der Uni Frankfurt


Was sind Postkoloniale Studien?

Die koloniale Expansion und Herrschaft stellt ein wirkmächtiges Ereignis in der Geschichte sowohl des „globalen Nordens“ als auch des „globalen Südens“ dar, das Wissenschaft, Kultur, Philosophie, Literatur wie auch Wirtschaft, Politik, Recht und Gesellschaft insgesamt bis zum heutigen Tage prägt. Vor diesem Hintergrund haben sich postkoloniale Studien in den letzten drei Jahrzehnten als transdisziplinäres Forschungsfeld etabliert, das innerhalb zahlreicher akademischer Disziplinen – von der Literatur- und Kulturwissenschaft, Geschichte, Ethnologie, Soziologie und Politikwissenschaft bis zur Philosophie – wichtige kritische Interventionen angestoßen hat. Andere transdisziplinäre Forschungsfelder wie etwa die Gender Studies sind heute ohne Rekurs auf postkoloniale Ansätze kaum mehr vorstellbar.


Postkoloniale Studien zielen darauf ab, koloniale Kontakte und Konfrontationen in ihren verschiedenen Aspekten – textlich, figural, räumlich, historisch, politisch und ökonomisch – zu erforschen. Dabei wird der Fokus niemals nur auf einzelne Länder, Regionen oder gar Disziplinen gelegt. Vielmehr geht es darum, in transdisziplinärer Perspektive vergangene und gegenwärtige Interdependenzen und Verflechtungen zwischen den Ländern des „Südens“ und „Nordens“ herauszuarbeiten und das, was als „modernes Europa“ gilt, als Ergebnis kolonialer Interaktionen zu lesen. Innerhalb postkolonialer Studien sind die (ehemaligen) Kolonien daher auch als „Laboratorien der Moderne“ beschrieben worden. Entsprechend schließt dieses Forschungsgebiet sowohl Analysen der politischen, ökonomischen und kulturellen Entwicklungen im „globalen Süden“ als auch Untersuchungen über die genannten Verflechtungen mit dem „Norden“ ein. Darüber hinaus geht es darum, die Legitimationsstrategien verschiedener kolonialer und neokolonialer Diskurse zu untersuchen, um die normative Gewalt aufzudecken, die im Namen von Rationalität, Fortschritt und Entwicklung ausgeübt wird.


Postkoloniale Studien stellen also einerseits den Versuch dar, die bis in die Gegenwart fortwirkenden Effekte des europäischen Imperialismus und Kolonialismus zu rekonstruieren. Andererseits zielen sie darauf ab zu dokumentieren, wie prekär und umkämpft diese Herrschaftsformationen waren, um damit (post-)koloniale Konstellationen in ihrer ganzen Komplexität und Widersprüchlichkeit zu erfassen. Dabei versuchen postkoloniale Studien, die nachhaltigen und ambivalenten Effekte kolonialer Herrschaftsstrukturen auf Begrifflichkeit, Theoriebildung, Denkstile, Forschungsprogramme etc. in verschiedenen Wissensfeldern aufzuzeigen. Postkoloniale Studien beabsichtigen die Dekonstruktion des Eurozentrismus, der einem Großteil der aus Europa stammenden Theoriebildung innewohnt. Sie weisen dabei nicht nur eurozentrische Universalitätsansprüche zurück, sondern auch deren herrschaftliche Dubletten, den globalen Partikularismus und Kulturrelativismus.


Auch für die Analyse politischer Praxis und Normen erweist sich eine postkoloniale Perspektive als unabdingbar. In der heutigen Zeit müssen die globalen Dimensionen sozialer Ungleichheit in den Blick genommen werden. Aufgrund unserer „verwobenen Geschichten“ ist es unzureichend, politischer Verantwortung nur innerhalb nationalstaatlicher Grenzen gerecht werden zu wollen. Postkoloniale Theoretikerinnen und Theoretiker haben aufgezeigt, dass es unmöglich ist, eine Geschichte des „Westens“ ohne die Geschichte der Kolonialländer zu schreiben und umgekehrt. Trotz vielfältiger Bemühungen, globale Herrschaftskonstellationen aus einer multidimensionalen Perspektive zu erfassen, haben kritische Ansätze im deutschsprachigen Raum vor dem Hintergrund der vergleichsweise kurzen Kolonialherrschaft Deutschlands bisher häufig den kolonialen Entstehungskontext transnationaler Probleme und Konflikte vernachlässigt. So wurden postkoloniale Perspektiven hierzulande im Unterschied zur angloamerikanischen Hochschullandschaft lange Zeit nur marginal wahrgenommen und rezipiert. Das aktuelle Interesse an postkolonialer Theorie im deutschsprachigen Raum hat dazu geführt, dass nun auch hier einem lange Zeit vernachlässigten Forschungsfeld Beachtung geschenkt wird, das zur Erweiterung kritischer Theoriebildung der Institutionalisierung bedarf.

Wer sind wir?

*still loving postcolonial studies!*


Das Institut für postkoloniale Studien- Frankfurt ist eine im Sommersemester 2015 gegründete Initiative von Studierenden, Forscher*innen und Interessierten des Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies (FRCPS). Mit dem Weggang von Prof. Dr. Nikita Dhawan steht bekanntlich auch dem FRCPS ein "formalisitisches" Ende bevor. Strukturen, Aktivismus und dessen Wirken sollen aber fortgeführt werden. Wir planen langfristig die Durchführung von Lesekreisen, autonomen Tutorien, kritischen Workshops, den Aufbau eines Blogs und die konkrete Organisation von Widerstand und aktivistischer Gegenöffentlichkeit durch antirassistische Sticker- und Plakataktionen. Damit möchten wir zwar die Arbeit des FRCPS erhalten, zugleich aber auch weiterentwickeln und öffnen. Unsere Forderung bleibt aber die gleiche: die Goethe-Universität soll dekolonialisiert werden.

 

Eine Nachbesprechung der Ereignisse rund um die Professur von Prof. Dr. Nikita. Dhawan in der Frankfurter Rundschau findet Ihr hier.

 

Was steht an?

  • Jeden Donnerstag vom 21.04.-14.07.2016 veranstalten wir die "Autonome Kolloquiumsreihe des Instituts für postkoloniale Studien". Alle Veranstaltungen beginnen um 18 Uhr im Seminarhaus 0.105 auf dem IG-Farben Campus (auch bekannt unter dem Namen "Campus Westend").
  • Ein Lesekreis zu den postkolonialen Studien fand jeden Freitag von 16-18 Uhr statt. Treffpunkt war das Foyer des PEG. Aufgrund der Verschiebung in unseren Aktivitäten befassen wir uns in nächster Zeit weniger mit Lesekreisen. Falls Ihr aber Interesse daran habt, einen zu organisieren, dann meldet Euch gerne bei uns!